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Trendreport: Können die Chinesen ohne ihre Smartphones überleben?

08. Aug. 2017

„Als ich vor ein paar Jahren in Australien Urlaub machte, habe ich ein interessantes Schild vor einem Straßencafé gesehen: „We don’t have WiFi, talk to each other!“ Ich musste gleich schmunzeln und dachte mir, dass vielleicht zu viele chinesische Touristen dieses Café besucht hatten, wobei die allererste Frage war: „Was ist Ihr WiFi-Passwort?“, berichtet Dr. Wenting Sheng, interkulturelle Expertin bei der icunet.

 

Zweifelsohne könnte ein derartiges Café in China nicht überleben, wo „handysüchtige“ Chinesen sich unwohl fühlen würden, könnten sie sich nicht mit ihren Smartphones beschäftigen. Beobachtet man die jüngere Generation auf der Straße, stellt man fest, dass beinahe jeder sein Smartphone in der Hand hat. Das Smartphone scheint ein unentbehrlicher Gegenstand zu sein. Man „schläft mit ihm“, isst mit ihm, nimmt es sogar mit auf die Toilette. Selbst beim Überqueren der Straße bei Rot starren viele trotzdem weiter in ihren ständigen digitalen Wegbegleiter. Die neueste Episode der koreanischen Seifenoper scheint schließlich gerade wichtiger zu sein, als die Sicherheit des eigenen Lebens. Im Restaurant wird nicht nur kräftig gegessen, sondern auch kräftig fotografiert und gepostet. Stundenlang Video-Chatten via WeChat (eine App, die ähnliche Funktionen wie Facebook & WhatsApp besitzt) ist ebenso völlig normal, gerade wenn man ohnehin auf den sich verspätenden Freund warten muss. Die Chinesen nennen sich selber „das Volk der hängenden Köpfe“.

 

Jungen Chinesen organisieren und gestalten ihren gesamten Alltag mit dem Smartphone. Online-Bestellungen, tägliche Einkäufe von Lebensmitteln bis hin zum Toilettenpapier, das Begleichen der Strom-, Gas- und Wasserrechnungen, die Taxi-Bestellung, das Fahrrad mieten, den Parkplatz suchen – die Liste kann endlos fortgeführt werden. Fest steht: Das Smartphone kann alle konventionellen Zahlungsmittel ersetzen. Sogar die Kugel Eis kann mit dem eigenen Smartphone bezahlt werden. Verspürt man gegen Mitternacht das Verlangen nach einer saftigen Wassermelone, braucht man nur kurz sein Smartphone zu bedienen und spätestens 15 Minuten später wird diese frisch in Häppchen serviert vor die Haustür geliefert. Ende 2015 setzten die Chinesen laut Marktforschungsdienst Mintel rund 5,55 Milliarden Renminbi (umgerechnet 750 Millionen Euro) pro Tag über ihre Smartphones um.  Via Smartphone bestellten sie täglich 6,39 Millionen Taxifahrten und ließen sich Essen im Wert von 150 Millionen Renminbi, etwa 20,40 Millionen Euro, nach Hause liefern.

 

Die Chinesen geben mit ihren Smartphones aber nicht nur Geld aus, sondern sparen auch. So bieten einige Restaurantketten Rabatt, wird ein Foto von einem bestimmten Gericht auf WeChat gepostet und erntet jenes noch während des Essens mindestens fünf „Likes“. Kein Wunder, dass die Chinesen beim Essen kaum miteinander reden und nur am Tippen sind.

 

Smartphones sind ein sehr wichtiges Tool der Unterhaltung, insbesondere für diejenigen Chinesen, die jeden Tag stundenlang mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zwischen Apartment und Arbeit pendeln müssen. Eine Ruhe, wie sie meistens in deutschen Zügen zu finden ist, erlebt man in China nie. Auf dem Smartphone wird gezockt, gechattet und „geliked“ – natürlich in voller Lautstärke. Für die Chinesen ist das ein willkommener und angenehmer Zeitvertreib. In Metropolen wie Shanghai und Beijing ist es für viele Angestellte ganz normal, eine Fahrt von zwei Stunden zur Arbeit in Kauf zu nehmen. Obwohl die U-Bahn dermaßen überfüllt ist, schaffen es manche trotzdem, während der Fahrt zu lesen, ohne dass die Füße richtig auf dem Boden stehen. Übung macht den Meister.

 

Wissen Sie, mit welcher App die Chinesen tatsächlich am wenigsten anfangen können? – dem Kalender! Die deutsche Art der linearen Planung und Kalenderpflege ist hier alles andere als Gang und Gebe. Vielmehr wundern sich die Chinesen, wie die Deutschen es schaffen, stets „brav und fleißig“ ihre Termine im Kalender zu fixieren, während sie selbst nicht einmal die nächsten drei Tage ins Detail planen, geschweige denn festlegen, wann sie wo in den nächsten drei Monaten sein werden. Das soll aber nicht heißen, dass kein gemeinsamer Termin, ein Treffen vereinbart werden kann. Da die chinesische Kultur viel Wert auf Höflichkeit legt, wir ein Chinese grundsätzlich nie „Nein“ sagen. Den Unterschied macht die Verbindlichkeit des Termins. Hier kommt wieder das Smartphone zum Einsatz. Ein ganz einfaches Beispiel: Essen gehen mit einem Freund. Restaurant und Uhrzeit sind schon geklärt. Trotzdem kann es passieren, dass er kurzfristig absagt, weil sein Chef ihm noch kurz vor dem Feierabend eine wichtige Aufgabe gegeben hat; oder Sie bekommen eine Nachricht, dass ihr Freund im Stau steht und sich deshalb verspäten wird; oder er teilt Ihnen leidenschaftlich mit, dass er ein anderes Restaurant viel besser fände und bittet um einen flinken Wechsel der Location. In China sind Flexibilität und Spontanität viel wichtiger als Vorausplanung. Terminkultur ist ganz anders als in Deutschland. Ohne Handy ist man häufig aufgeschmissen. Sie werden sich jetzt bestimmt fragen: wie haben die Leute das früher gemacht, als es noch keine Handys gab? Ganz einfach: es war damals ganz normal, nicht pünktlich bzw. überhaupt nicht zu einem Termin oder Treffen zu kommen.

 

Fazit: Das Smartphone dominiert schon fast das ganze Leben junger Chinesen. Den Alltag organisieren, Information sammeln, Socializing, Geschäfte machen, Unterhaltung und sogar Partnersuche – all das digital, mobil, jederzeit und von überall. Die experimentierfreudige Nation wird immer von der neusten Technologie begeistert. So könnte „das Volk der hängenden Köpfe“ zwar ohne ihre Smartphones überleben, aber das Leben mit Smartphones ist für sie definitiv viel praktischer.

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